„Neue Nachbarn Kochbuch“: Viele Köche bereichern den Brei

Gemeinsam mit sieben Köchen aus Flüchtlingsländern haben der Spitzenkoch Tony Hohlfeld und der Gastrokritiker Robert Kroth traditionelle Gerichte gekocht, experimentiert und ganz neue Rezepte entwickelt. Wie gut sind die „50 Rezepte für mehr Miteinander“ des Sternekochs für die eigene Küche geeignet? Autorin Andrea Gehwolf hat es gemeinsam mit ihrer Mutter Martina, Berufsfachschullehrerin auch für das Fach Kochen, ausprobiert.

Wie können wir mit Menschen aus anderen Kulturen, die in Deutschland eine neue Heimat suchen, in Kontakt treten und uns austauschen? Was verbindet uns? Für Restaurantkritiker und Buchautor Robert Kroth lag die Antwort nahe: Essen. „Essen ist eine eigene Sprache, Essen verbindet, macht neugierig, erzählt Geschichten.“ Und auch wenn wir nicht direkt in geselliger Runde mit unseren neuen Nachbarn am Tisch sitzen, vermitteln uns doch ihre Gerichte ein Stück ihrer Heimat, ihrer Kultur.

Hungrig auf Neues

Meine Mutter und ich holen uns den Geschmack Syriens und Nepals in die Küche. „Kochen braucht Zeit, Liebe und Fantasie“, heißt es im Neue Nachbarn Kochbuch. Experimentierfreude und Neugierde gehören ebenfalls dazu, vor allem, wenn es um in Deutschland ungewöhnliche Zutaten geht, die teilweise nicht so leicht zu besorgen sind.


Fatoush, arabischer Salat:

Zutaten für 4 Personen: 3 Tomaten, 1 Gurke, 1 Eisbergsalat, 2 Knoblauchzehen, 2-3 Blätter Minze (oder Gewürz mit Minze), ein paar Stängel Petersilie, 4 EL Essig, 3 EL Olivenöl, Saft von einer ½ Zitrone, ½ TL Salz, Fladenbrot

Tomaten und Gurke waschen und würfeln. Den Knoblauch sehr klein schneiden oder eine Knoblauchpresse verwenden. Petersilie und Minze hacken.

Den Salat waschen, in Streifen schneiden und zu den anderen Zutaten in eine Schüssel geben.

Essig, Olivenöl, Zitronensaft und Salz zu einem Dressing rühren.

Der Salat ist vielseitig. Einzelne Zutaten können je nach Geschmack hinzugefügt oder weggelassen werden. Das Originalrezept enthält zum Beispiel 100g schwarze Oliven. Mit Fladenbrot servieren.


Im Gegensatz zu mir ist meine Mutter eine sehr gute Köchin. Wir improvisieren beide gern, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Sie, weil sie es meistens besser, ich, weil ich es nicht besser weiß. So lassen wir bei Fatoush, einem arabischen Salat, einfach das weg, was mir nicht schmeckt: die Oliven. „Die einzige ungewöhnliche Zutat im Salat ist die Minze. Der intensive Knoblauchgeschmack fällt allerdings auch auf“, findet meine Mutter. Chubz, arabisches Fladenbrot ist die perfekte Beilage dazu. Ob man das ganz einfach selber machen kann? „Im Prinzip ist es ein ganz normaler Hefeteig, der nach einigen Ruhephasen in der Pfanne ohne Fett gebraten wird.“ Das fehlende Fett macht meine Mutter allerdings etwas stutzig und sie fettet die Pfanne sicherheitshalber mit einem in Olivenöl getränkten Tuch. Das Brot sieht zwar, wie alle unsere Gerichte, anders aus als im Buch, schmeckt aber ganz hervorragend.

Geschmäcker verbinden, Neues schaffen

„Gemeinsam Kochen ist wie Teamsport“, sagt Tony Hohlfeld, mit dem sieben Köche aus Algerien, Gambia, Iran, Sudan, Syrien, Nepal und Pakistan ihre Leidenschaft für das Kochen, ihre Erfahrungen und ihre Traditionen geteilt haben. Sie alle waren Küchenprofis in ihrem Land, bevor sie nach Deutschland flohen. Die Autoren haben sie in Gemeinschaftszentren von Kirchen, in Turnhallen und Zeltlagern getroffen, und alle waren sofort begeistert vom Buchprojekt.

Tony Hohlfeld ließ sich beim gemeinsamen Kochen inspirieren und schuf neue Gerichte, die unsere Esskultur bereichern. Wir haben einige Rezepte nach derselben Devise ausprobiert: sich auf das Fremde einlassen, aber gleichzeitig dem eigenen Gefühl und Geschmack vertrauen. Statt mit Granatapfelsirup hat meine Mutter die Auberginencreme Baba Ganoush mit selbstgemachter Himbeermarmelade verfeinert – ein bisschen Syrien, ein bisschen Deutschland.


Syrien: Baba Ganoush, Auberginencreme:

Zutaten für 4 Personen: 4 Auberginen, 3 Tomaten, 1 Zwiebel, 1 Granatapfel, 1 Bund Petersilie, (3 EL Granatapfelsirup), Salz

Die Auberginen waschen und mit einem Messer mehrmals einstechen. Auf einem Blech bei 200 °C ca. 20 Minuten garen. Mehrmals wenden.

Tomaten und Zwiebeln kleinschneiden, Petersilie hacken und Kerne aus dem Granatapfel lösen. Auberginen aus dem Ofen nehmen und die Haut abziehen.

Die Auberginen schneiden und zu den Tomaten und Zwiebeln geben.

Den Granatapfelsirup (alternativ etwas Himbeermarmelade) mit Salz und den anderen Zutaten zu einer cremigen Masse verrühren. 3 EL Granatapfelkerne und Petersilie unterrühren.


Anders und doch vertraut

Generell sind die Rezepte des Neue Nachbarn Kochbuchs gar nicht so exotisch wie vermutet, auch wenn sie teilweise spezielle Zutaten zu überraschenden Kombinationen verarbeiten. Wie zum Beispiel Karotten im Nachtisch – eine tolle Entdeckung. Und viel Raum für Interpretation: Getrocknete Pflaumen und Rosinen werden durch getrocknete Cranberries ersetzt, statt Mangomus aus dem im näheren Umkreis nicht vorhandenen Asia-Shop pürieren wir kurzerhand eine frische Mango, von den 25 Gramm Kardamomkapseln verwenden wir nur gut ein Zehntel. Da die wenigsten Haushalte über Dessertringe zum Formen der Küchlein verfügen, füllen wir die Masse in kleine Marmeladengläser. Trotz sehr freier Auslegung des Rezepts schmeckt das nepalesische Möhrendessert Gajar Halwa sehr gut. Und sieht auch noch hübsch aus.

Die ausgewählten Rezepte sind flexibel und die Portionen reichlich, was man bei einem Sternekoch-Rezept nicht unbedingt vermuten würde. Die Anleitungen sind klar und verständlich dargestellt, die Bilder machen Lust auf mehr. Die Köche und ihre Landesküche werden jeweils in einem Porträt vorgestellt. Eine kulinarische Entdeckungsreise mit einem gelungenen Kochbuch. Die Gewinne für das Buch gehen an den Verein HELDEN e.V für das Flüchtlingsprojekt HAPPY BOX.

 

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Erschienen im Juni 2017 auf www.goethe.de